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Read Ebook: Die Schwestern: Drei Novellen by Wassermann Jakob
Font size: Background color: Text color: Add to tbrJar First Page Next PageEbook has 369 lines and 42161 words, and 8 pagesDie Schwestern Drei Novellen von Jakob Wassermann Dritte Auflage S. Fischer, Verlag, Berlin Alle Rechte, insbesondere das der ?bersetzung, vorbehalten. Published, May 10, 1906. Privilege of copyright in the United States reserved under the act approved March 3, 1905 by S. Fischer, Verlag, Berlin. Inhalt Donna Johanna von Castilien Seite 9 Sara Malcolm " 69 Clarissa Mirabel " 99 Donna Johanna von Castilien Die Infantin Johanna wurde geboren beim Sterbensgeschrei von mehr als hundert Ketzern, die in derselben Stunde den Feuertod erlitten und unter demselben Fenster, hinter dem die K?nigin Isabella in Wehen lag. Des Kindes Haut zeigte eine bernsteingelbe Farbe und seine Augen waren gross, tief, still und d?ster. Ausserdem hatte es unter der Brust ein Mal in Form eines liegenden Kreuzes, von sonderbaren helleren Linien umgeben, die z?ngelnden Flammen glichen. Am Hof entstand sp?ter das Ger?cht, dass die Infantin den Anblick des Feuers nicht ertragen k?nne. Nicht wie andere Kinder hatte sie Freude an Spiel und Tand und bei festlichen Gelegenheiten verbarg sie sich und suchte die Einsamkeit. Sie lernte sp?t sprechen und galt bei allen, die sich auf den menschlichen Geist verstehen, alsbald f?r bl?de. Ihren Eltern brachte sie wenig Liebe entgegen, auch sah man sie niemals mit wahrer Inbrunst beten, doch immer wenn die Nacht kam, wurde sie noch scheuer als sonst und im Schlaf schrie sie wie ein Teufel aus peinigenden Tr?umen auf. Der K?nig, dem das Kind ein ?ngstlicher und tr?bsinniger Anblick war, suchte sie mehr und mehr aus seinen Augen zu entfernen, und als sie elf Jahre z?hlte, schickte er sie ins Kloster Santa Maria de las Huelgas bei Burgos; sein Entschluss hiezu wurde durch den Vorfall mit dem englischen Windspiel bekr?ftigt. Johanna besass n?mlich ein englisches Windspiel von edler Rasse; sie hing mit grosser Liebe an dem Tier, es musste des Nachts neben ihrem Bette schlafen, sie gab ihm selbst zu fressen und f?hrte es selbst in die G?rten. Das Tier war auch seinerseits der jungen Herrin treu ergeben. Eines Nachts aber geschah es, dass sich Johanna aus dem Schlaf erhob; es war ein Gewitter, und in dunkler Furcht schritt sie zum Fenster. Das Windspiel aber, mochte es nun durch Donner und Blitz erschreckt und erregt sein oder ein Traum seinen Instinkt getr?bt haben, knurrte pl?tzlich und biss Johanna ins Bein. Die Wunde war ungef?hrlich, doch Johanna, obwohl sie das Tier noch eben so z?rtlich liebte, hatte beschlossen, es m?sse sterben und nichts konnte sie von ihrem Vorsatz abbringen. Sie wusste sich ein Dolchmesser zu verschaffen, lockte den Hund in einen abgelegenen Teil des Gartens und schnitt ihm dort, w?hrend er zu ihren F?ssen lag, ruhig und schnell die Kehle durch. Diese Tat wurde bekannt und erzeugte teils Verwunderung, teils mehrte sie das stille Grauen vor der Infantin. Sie hatte auch eine Art, Menschen anzublicken, dass die betreffenden am liebsten Reissaus genommen h?tten, sich jedenfalls aber heimlich bekreuzten. Das traurige Land um Burgos, seine kahlen H?gel, die nur, wenn die Sonne unterging, in einem Bad aus Purpur wie ungeheure Rubine funkelten; die d?stere Stadt mit ihren krummen Gassen, den hohen get?rmten H?usern, den alten Pal?sten mit halbverfallenen Schwibb?gen, vergitterten Torwegen und kleinen Fenstern; dazu die Abgeschiedenheit des Klosters selbst, dies alles war dazu angetan, Schleier auf Schleier um das Gem?t der Infantin zu weben. Nur ihre Augen strahlten aus der D?mmerung der Seele wie der Widerschein zweier Sterne aus dem Wasser eines tiefen Brunnens. Als sie an den Hof zur?ckkehrte, hiess es, dass sie sich auf die magischen K?nste verstehe. Einige sagten offen, dass sie mit Spiegeldeutern, Menschenmachern und Rosenkreuzern zu tun habe, dass sie aus kochendem Wasser weissagen k?nne und dass sie von einem d?nischen Schwarzk?nstler gelernt habe, Mumien wieder zu beleben. Sicherlich verstand sie sich auf den Ringgang der Planeten um die Sonne, und eines Tages erz?hlte der Greffier, der es wiederum vom Turmwart wusste, dass sie oft um Mitternacht regungslos auf dem Balkon liege und in den gestirnten Himmel blicke. Auch befand sich in ihrem Schlafgemach ein Astrolabium und die Marmormaske eines hellenischen Gottes. Um diese Zeit zog einmal der Hof nach Toledo, wo in der Charwoche eine Reihe von Ketzergerichten abgehalten wurde. Vom Schauger?ste aus erblickte Johanna ein schwangeres Weib am Pfahl. Durch die Heftigkeit der Flammen sprang das Kind aus der Mutter Leibe, doch nach einer kurzen Beratung der Priester schleuderte man es als eine Ketzerbrut wieder ins Feuer. Niemals vergass Johanna den tierisch-jammervollen Schrei der Mutter. Ihr in eine weite Ferne, gleichsam auf ein fernes Licht gerichteter Blick suchte nach einem Pfad zu diesem Licht; die Erwartung besiegte die Erfahrung. Kaum hatte sie das siebzehnte Lebensjahr vollendet, als sich von vielen L?ndern und Thronen her Bewerber um ihre Hand meldeten, denn diese Hand verf?gte ?ber die Reiche Castilien und Arragon, welche ihr elterliches Erbe bildeten. Was den K?nig betrifft, so hatte er nur einen ins Auge gefasst: Philipp von ?sterreich, des r?mischen Kaisers Sohn. Aber der Kaiser war anfangs nicht zum h?chsten von dem Plan erbaut, seinen einzigen Sohn der Spanierin zu verm?hlen. Es war eine Hatz von Intriguen und wurde in der Sache endlos viel Papier verschrieben und Boten reisten hin und her zwischen dem Connetable und dem Hofmarschall. Viele Stimmen erhoben sich dawider, der Prinz selber verhielt sich schwankend, da hatte einer unter den Spaniern den Einfall, die Sch?nheit der Infantin durch eine poetische Floskel zu beleuchten und er schrieb ?ber sie an den Hof zu Wien: Johannas Haut sei so fein, dass man den roten Wein, den sie trinke, ihr durch den Hals gleiten sehen k?nne. Die Metapher wurde von den einen bel?chelt, von den andern f?r bare M?nze genommen, doch wurde Philipp neugierig nach einem solchen Weibe. Endlich waren die Vertr?ge feierlich besiegelt und beschworen, und mit einem grossen Gefolge von edlen Herren, worunter sich auch sein Spezial, der Pfalzgraf Friedrich befand, zog der achtzehnj?hrige Philipp ?ber Savoyen und S?dfrankreich nach dem ehrw?rdigen Burgos, wo er zu Beginn des Herbstes ankam. Er trug beim Einzug ein weisses Kleid von offner weisser Seide und ritt auf einem weissen Pferd. In der engen Strasse beim Tor stolperte das Pferd und fiel auf die Kniee; darin sahen viele ein Ereignis von ?bler Vorbedeutung. Beim ersten Anblick ihres zuk?nftigen Gemahls blieb Johanna, alles Zeremoniell vergessend, bleich und k?hl wie ein steinernes Bild inmitten ihrer Frauen stehen. Sie r?hrte sich nicht, bis Madame de la Marche sich ihr n?herte und mit einer dringlich zugefl?sterten Mahnung der erschreckenden Starrheit ein Ende machte. Gegen den befremdeten Prinzen wurde die Ausrede erfunden, die Infantin habe den Tag ?ber in einem finstern Gemach in Gebetsandacht verweilt und sei durch den reichen Kerzen- und Fackelschein geblendet gewesen; ausserdem habe die Sch?nheit Don Philipps sie gewiss der Sprache und des Ausdrucks schuldiger H?flichkeit beraubt. Philipp, nicht gewohnt in den Mienen anderer Menschen zu lesen, legte dem Vorfall keine Wichtigkeit bei, auch nahmen die Vergn?gungen einer ununterbrochenen Geselligkeit seine Gedanken v?llig ein. Am Tag vor der Hochzeit ward er unter einem k?stlichen Baldachin durch sieben Triumphb?gen in die Kathedrale geleitet und verrichtete dort seine Andacht. Es war schon in der dritten Stunde der Nacht, als er mit der Infantin im geschm?ckten Saal des Schlosses zusammenkam, darnach folgte der p?pstliche Legat, der sie ehelich verband, und der Erzbischof von Toledo hielt die Messe. Als sie ihre S?nden gebeichtet, so erz?hlt ein namenloser Chronist, haben sie das hochw?rdige Sakrament empfangen und nach dem Segen des Kardinals heilig und christlich Hochzeit gehalten. Aber als die Nacht verstrichen war, sah man den Herzog bleich und wild aus dem Gemach st?rzen, w?hrend die Infantin von ihren Frauen ohnm?chtig aufgefunden wurde. Es hiess alsbald, doch nur im Geheimen wurden solche Stimmen laut, dass Johanna sich der Hingabe an ihren Gatten weigere. Das Gebot der Kirche drang nicht in Johannas Seele; das priesterliche Wort war ihr nicht viel mehr als eine auf die Mauer gemalte Formel. Ihr K?rper lebte, er wurde befehligt vom Blut und das Blut ward entz?ndet von der Sehnsucht. Der in die weite Ferne gerichtete Blick war des Pfades noch ungewiss, welcher zum Licht f?hrte. Unter dem Meeresspiegel, unber?hrt von St?rmen, f?r Menschen nicht erreichbar, w?chst ein Zauberkraut, das den Tod besiegt. So wuchs in Johannas einsamem Gem?t ein Bild von Liebe: eine Blume, die den Tod besiegt. Sie konnte nicht geraubt werden, sie konnte nur langsam bis an die Oberfl?che des Lebens wachsen. V?llig vom Zweck entbl?sst, in Erwartung und Zuversicht so gesammelt, dass es wie Himmelsflammen Geist und Leib durchdrang, der Vision unterworfen, von der Speise des Traums gen?hrt, Wort, Wunsch und Hoffnung musikalisch f?llend, so empfand sie Liebe. Schnell wird Tugend zum Wahn und Wahn zur Krankheit; und wieder ist das Edelste an den Gesch?pfen nicht ohne einen Hauch von Krankheit. In einem arragonischen Tal gab es ein Weib, die seit Jahr und Tag auf einem Stein sass, um den Heiland zu erwarten, und die weinend das Gesicht verbarg, wenn einer vorbeiging, der eben nur Mensch war. Dieser war es bestimmt, ihr Herz an ein Etwas zu binden, was nicht aus Erde gemacht ist, und sie webte hin in geheimnisvoller Glut. Johannas Unschuld hatte sich bewahrt beim Anblick der t?ckischen Leidenschaften, die ihr Vaterland mit Blut d?ngten. Sie hatte sich im Frost der Lieblosigkeit wie ein winterliches Kleid um das Herz geschmiegt. Johanna hatte vieles gesehen, was den Schlummer ihrer Jugend zerrissen hatte, und es war Zwang von aussen, der ihr das Schicksal an den Lauf der Sterne zu kn?pfen befahl. Auch war es eine Zeit, vor der der Nachdenkliche in Bangnis geraten konnte: der Ozean gebar neue L?nder, Ost und West gaben unerh?rte Mysterien preis, das Wort Christi starb hin, als w?re es nie gewesen, ?ber das Firmament schauerte wie ein Fieber der Gedanke der Unendlichkeit. Sie tr?umte von einem Antlitz, das im Schmerz die Z?ge grosser Liebe annahm wie der gl?hende Stahl sich unter dem Hammer biegt; von einem Auge, nicht getr?bt, sondern verkl?rt durch das Verlangen; von einer Geb?rde, vertrauensw?rdiger als Eide; von einem Laut aus dem innersten Innern des Herzens; von einer Gewalt, die sie ergriff und trug, Niedriges zerstampfte, H?ssliches unsichtbar machte. Ihre Sinne waren gesch?rft f?r Blick, Geb?rde, Laut; f?r den Schmerz, den die Gelegenheit erzeugt, und f?r den, der das Dasein verdunkelt; f?r die aus Qual und Lust geborenen Versprechungen, welche die Z?ge der Redlichkeit heucheln, und f?r diejenigen, die von Gott selbst geheiligt werden und wie ewige S?ulen den Bau der Seele tragen. Oft war ihr, als risse sie eine ungeheure Faust vom Boden empor und hielte sie so zwischen Himmel und Erde, dass sie nicht fallen konnte, jedoch fortw?hrend zu fallen f?rchten musste. Sie schien hoch ?ber allen zu schweben und verging vor Angst, tief unter alle hinab zu fallen. Es kam vor, dass sie n?chtelang auf den Knieen lag und f?r Philipp betete; aber nicht wie das Weib f?r den Gatten betet; Philipp stand schattenblass vor ihrem innern Auge, fast wie ein Gespenst, noch ohne feste Gestalt, wie etwas aus weiten Fernen, was auf einer schwanken Br?cke ging oder auf lautlosem Wasser glitt. Sie w?nschte, dass Philipp kommen, dass er werden, dass er leben m?ge. Sie hatte soviel Finsternis in sich, dass ihr die Nacht bisweilen wie ein leuchtender Nebel erschien. Dann schoben sich alle Dinge auf einfachste Linien zusammen, alles wurde Gesicht, Steine atmeten, tote R?ume redeten. Wie unfasslich und ?berw?ltigend war es dann, auf dieses Wesen zu warten, das da wurde, aus dem Wirrsal der Kreaturen emporstieg, zugleich kristall- und pflanzenhaft. Sie selbst sp?rte sich wie eine Blume, ihr Menschenleib l?ste sich ab, und sie schaute in ihr eigenes Antlitz, das welk und schlafend schien. Es liegt den geringen Naturen nahe, dass sie, an das Los einer gr?sseren gekettet, nicht an Schicksalsvollzug glauben wollen, sondern die Flucht ergreifen und zu den niedrigen Neigungen eilen, die ihnen die Herrschaft in ihrem Eigenkreise sichern. So auch Philipp. Den Spott seiner Leute f?rchtend, bem?hte er sich, der Alte zu sein, sich selbst zu ?berbieten, und gab acht, dass die Sache, die insgeheim seine Ehre benagte, nicht durch die M?uler geschleift werde. Wurde nach und nach seine Hoffnung geringer, die Infantin zur Vernunft zu bringen, so verbarg er doch so gut als m?glich die wachsende Ungeduld. Er dachte an Gewalt; dies hatte gute Weile, es brachte zuviel L?rm mit sich, ausserdem durfte er die Meinung des Volkes nicht missachten, dem er noch ein Fremdling war. Zuviel Kopfzerbrechen. Diesem J?ngling war es nicht gegeben, am Menschen Schwierigkeiten zu entdecken. Er suchte Zerstreuungen und trieb es unverhohlen mit der h?bschen Anna Sterel, der Gattin eines schw?bischen Edelmannes. Seine Phantasie malte ihm das Bild einer eifers?chtigen Infantin, die sich so, schlau erdacht, in den eignen Stricken fing. N?chtlicherweise ging er mit dem Freund, dem Pfalzgrafen Friedrich, auf Abenteuer. Sie verkleideten sich und trieben allerhand Unfug. Der Pfalzgraf war ein Held, eine Leuchte des Rittertums, deutscher Herr, aber ganz nach dem neuen spanischen Schnitt, voller Galanterien, voller Schulden. Er war auch musikalisch und schlug den Herrn von Moncada, der behauptet hatte, die Musik mache weibisch, beim Turnier so darnieder, dass er taub wurde. Als Reiter hatte er nicht seines gleichen; es war sprichw?rtlich zu sagen: er reitet wie der Pfalzgraf. Dieser Bramarbas brach in ein h?llisches Gel?chter aus, als ihm Herr Hughes von Melun, der die Kunde von Frau von Molembais besass, vorsichtig zufl?sterte, wie es um Philipp und Johanna stand. Er rasselte von Kopf bis zu den F?ssen, er rasselte mit Kette, Schwert und Augen, als er erwiderte: >>Gemach, gemach! der Herzog wird wohl wissen, wie man ein st?rrisches Frauenzimmer traktiert. Es ist nicht lange her, dass der muntere Philipp zu jedem Nachtessen ein warmes Weiberherz verspeist hat.<< Nun musste der Pfalzgraf im Fr?hjahre nach Deutschland zur?ckkehren. Philipp war traurig wie einer, der beim Wein sitzt und dem pl?tzlich der Wind Becher und Flasche davontr?gt. Er verlor die Sicherheit und begann misstrauisch und mit verhaltener Wut auf das Wispern zu horchen, in dem sich Herren und Diener gefielen, wenn er vor?berging. Das Gerede war nicht mehr zu d?mmen. Ein Hoffr?ulein hatte das Geheimnis dem Granvella anvertraut, der hinterbrachte es dem K?nig nach Madrid. Der K?nig war ausser sich und schickte seinen Kanzler zu Philipp, die K?nigin ihre erste Dame zu Johanna. Scheidung und Kerker wurden der Infantin in Aussicht gestellt; wo heilige Satzungen verletzt w?rden, d?rfe der K?nig das eigene Geschlecht nicht schonen. Im August musste Don Philipp nach Italien ziehen, und der K?nig befahl der Infantin, sich nach Medina del Campo zu begeben. Sie wurde dort gleich einer Gefangenen gehalten, ein fanatischer Dominikaner, durch ihre Ruhe get?uscht, glaubte mit wilden Predigten ihr Gewissen schrecken zu sollen und kr?chzte ihr wie ein b?ser Rabe dreimal t?glich das Register der h?llischen Strafen vor. Nach seiner Heimkehr liess Philipp die Infantin zu sich kommen und versprach ihr aus freien St?cken, sie vor allen Verfolgungen zu sch?tzen. Einige meinten, Furcht vor ihren Zauberk?nsten h?tte ihn dazu bewogen. Andere sagten, ihre Sch?nheit habe pl?tzlich seine Begierde erregt, und aus List habe er sie bestimmt, sich vorerst zum Schein zu f?gen. Indes brachten giftige Zungen sein Blut in Aufruhr, und ihn wurmte der d?stere Spott in allen Gesichtern. Dem versteckten Spaniertum war seine aufrichtige Jugend nicht gewachsen. Wie eitel ihre Blicke, wie verr?terisch ihr H?ndedruck, und der Ton ihrer Rede so s?ss, dass man Honig auf der Zunge zu sp?ren glaubte. Eingesponnen von wirbelnd-schw?ler Luft, des ?ftern schlaflos liegend, von Gier und Groll gew?rgt, liess sich Philipp von seinem ungelenkten Trieb zu einer Handlung niedertr?chtiger Art hinreissen. Er verabredete sich mit den beiden K?mmerlingen, Herrn von Fyennes und Herrn Florys von Ysselstein. An einem Abend drangen sie zu sp?ter Stunde durch einen geheimen Gang und, indem sie eine verschlossene T?r erbrachen, in das Schlafgemach Johannas. Mit dem gez?ckten Schwert stellte sich der Herzog vor das Bett und forderte die Infantin auf, sein rechtm?ssig leibliches Weib zu werden; str?ube sie sich aber, so m?sse sie den Tod erleiden. Die sch?ngefl?chten Wangen von fahlem Glanz ?bergossen, richtete sich die Infantin auf und bedeutete den beiden Edelleuten, das Zimmer zu verlassen. Diese dachten nicht anders, als ihrem Herrn geschehe der Willen, und gehorchten. Darauf entkleidete sich Johanna, band ein schwarzes Tuch ?ber die Augen und sagte: >>So k?nnt ihr mich nehmen, sehend nicht, so k?nnt ihr euren Wunsch befriedigen und zugleich eure Drohung wahr machen. Gott sei mir gn?dig.<< Philipp, eben noch toll und heiss, stand eine Weile nachdenklich. Dann fing er an zu zittern und zitternd, mit scheu gesenkten Blicken, verliess er den Raum. Von Stund an war er verwandelt. Im Palast verbreitete sich Sorge und Befremden. Nur f?r Johanna begann sich sein K?rper langsam aus dem Chaos der Ungestalten zu l?sen. Anfangs lag er noch der Jagd und dem Ballspiel ob, erschien auch noch regelm?ssig bei der Tafel. Dann schloss er sich ab. Seine Hautfarbe ward grau, sein Auge tr?b und krank, sein Gang geb?ckt. Don Diego Gotor, der Leibarzt, sagte, dass ein Fieber in seinen Knochen w?hle. Es schien, als w?re er nicht mehr imstande, ein vern?nftiges Gespr?ch zu f?hren; jede Aufmunterung nahm er ohne Anteil hin. Er gab die notwendigen Befehle schriftlich und sprach nur mit Donna Gregoria, Johannas einziger Vertrauten, die t?glich zu ihm kam. Es ist Zauberei, sagten die Hofleute. Wenn Diego Gotor aus dem Zimmer des Herzogs trat, umringten sie ihn neugierig. Das Greisengesicht Don Diegos, das durch ein dauerndes Wechselspiel von tausend Falten und F?ltchen ?hnlichkeit mit einem st?rmischen Wolkenhimmel hatte, war traurig und ratlos. In einem Leben von siebzig Jahren hatte Diego Gotor das Gem?t der Menschen mit derselben Begierde erforscht, mit welcher der unscheinbare Wurm das Innere der Erde durchh?hlt. Er sagte: >>Im Morgenland erfuhr ich, dass J?nglinge, denen der Gegenstand ihrer Liebe sich entzog, in ein Leiden verfielen gleich dem unseres Herzogs. Ein solcher Mensch lag wie im Starrkrampf da, schwebte zwischen Schlaf und Tod, und sein Geist hatte nicht mehr die Kraft, den K?rper zu regieren. Konnte sein Begehren nicht gestillt werden, so siechte er allm?hlich hin und musste sterben oder es brauchte viele Jahre und dauernde Entfernung von der geliebten Person, bis er wieder unter Menschen wandeln konnte, der Freude freilich beraubt. So geschieht es wie gesagt im Morgenland, wo das Blut von dicker und schwarzer Beschaffenheit ist. Doch versicherte mich ein gelehrter Mann, dass, wie der Blitz nur in die h?chsten B?ume schl?gt, bloss Auserw?hlte von solchem Unheil betroffen werden k?nnen, und dass gemeine Fleischeslust damit nicht mehr verwandt ist als das K?chenfeuer mit dem Blitz.<< Die Ritter fluchten der Infantin. Wie kann Johanna einem Jammer ruhig zusehen, dessen Ursache sie selber ist, liessen sie sich vernehmen; wie ertr?gt sie es vor ihrem Gewissen, den herrlichen Mann so sich verzehren zu lassen, als w?re sie stumm, taub, blind und lahm. Bald fing Philipp an, Trank und Speise von sich zu weisen, versagte sich dem Gebet, und sonst heilsame Mixturen ?bten keine Wirkung. Seine Augen erloschen, die Hand schloss sich nicht mehr zum Druck beim Gruss. Des Nachts richtete er sich auf und streckte die Arme aus, als wolle er ein Luftbild umschlingen. Die heisse Lippe lallte einen z?rtlichen Laut. Wenn er in den Spiegel sah, so erblickte er nicht sein eigenes Antlitz und bisweilen k?sste er in der Verblendung den eigenen Mund. Die Infantin trat oft an Philipps Lager, sie erhaschte seinen Blick und hielt ihn fest, sie grub gleichsam das Innere seines Auges auf. Die blauen Sterne schwammen auf der milchigen Iris in einer Art von Wahnsinn langsam von Eck zu Eck. Das korngelbe Haar klebte nass auf der steilen Stirn. Der schmale K?rper, auf der Seite liegend, glich einem gespannten Bogen. Donna Johanna sch?ttelte den Kopf; noch schritt Philipp auf lautlosem Wasser in tr?ber Ferne. Aber ihre Sehnsucht wurde so gross, dass es, als w?re die Erf?llung schon geschehen, wie ein Strom der Verz?cktheit durch ihre Brust floss. Sie sah den blauen Himmel bes?t mit smaragdenen Blumen und die myrten- und lorbeerbeladene silberne Erde hob sich schwellend dem Firmament entgegen. Oft eilte sie in der D?mmerung durch die Galerien in die G?rten, so schnell, dass Donna Gregoria kaum zu folgen vermochte. Begegnete ihr jemand auf diesem Weg, so blieb sie stehen und schaute ihn an, streng und wild. Wer ist der Mann? fragte sie ihre Begleiterin mit ihrer wunderlich fl?tenden oder gurrenden Stimme. Und Donna Gregoria erwiderte etwa: es ist einer von Don Philipps Freunden. Doch Johanna h?rte die Antwort nicht mehr; sie war schon weiter geschritten; die gelben d?nnen Lider, von zahllosen blauen ?derchen ?bersponnen, schienen die vollflammenden Augen zu begraben, der Kopf senkte sich nach vorn, von ihrer Schulter wehte der Abendwind den Schleier herab, und der entbl?sste Nacken leuchtete wie das Holz eines frischgesch?lten jungen Baumes... Add to tbrJar First Page Next Page |
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